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Envisioning Europe – Was haben wir gelernt?

Was kann uns die Vergangenheit über unsere Vision für die Zukunft lehren?

Seit Juni 2021 findet im Haus der europäischen Geschichte eine Online-Vortragsreihe mit international anerkannten Geschichts- und Sozialwissenschaftlern statt. Unter dem Titel „Envisioning Europe“ handelt jeder Vortrag von einer historischen Entwicklung oder einer Thematik, die dazu beitragen kann, Aspekte der Identität(en) des Kontinents zu beleuchten und Einblicke in aktuelle Herausforderungen zu geben. Diese Reihe wird als Beitrag zur Konferenz zur Zukunft Europas veranstaltet, einer länderübergreifenden Initiative in verschiedenen Formaten, die vom Europäischen Parlament, vom Rat und von der Kommission durchgeführt wird. Wir nähern uns der Halbzeit der Reihe „Envisioning Europe“, die insgesamt zwölf Vorträge umfasst. Der fünfte Vortrag findet am 21. Dezember statt.

Dem offenen und partizipativen Charakter der Konferenz zur Zukunft Europas getreu wird jeder Vortrag auf unserem YouTube-Kanal live übertragen. Dadurch erhalten frühere Besucher und neue Interessenten in Europa und anderswo die Möglichkeit, in Echtzeit Fragen zu stellen und Kommentare zu verfassen.

Passenderweise begann unsere Reihe am 22. Juni mit einem Vortrag von Ivan Krastev zu dem Thema „Wie verändert die COVID-19-Pandemie das Europa, das wir kennen?“ Der Gründer des Zentrums für liberale Strategien in Sofia argumentierte, dass das Gefühl, in einem geeinten Europa zu leben, zu dem Zeitpunkt, zu dem Europa seine Grenzen geschlossen habe, paradoxerweise stärker gewesen sei als je zuvor, da die Menschen über die Grenzen hinweg begonnen hätten, ihre Erfahrungen mit der Pandemie miteinander zu vergleichen. Er bezeichnete die COVID-19-Pandemie als „demografischen Wendepunkt Europas“ und erörterte, dass sie als Weckruf für die möglichen Folgen einer alternden Bevölkerung diente. Auf die Frage eines Teilnehmers nach seinen Erwartungen an die Konferenz zur Zukunft Europas antwortete Krastev, dass aus Brüssel klarer kommuniziert werden müsse. Diese Gespräche könnten nicht nur genutzt werden, um etwas zu ändern, sondern auch um politische Maßnahmen anders zu rechtfertigen. Politik sei nicht nur das, was eine Regierung tue, sondern auch die Sprache, mit der sie bestimmte politische Maßnahmen rechtfertige.

Der zweite Vortrag unserer Reihe wurde am 21. September von Professor Markéta Křížová von der Karls-Universität Prag gehalten. Sie erörterte die Auswirkungen des Kolonialismus auf die europäische Identität. Professor Křížová erläuterte, dass die Expansion nach Übersee vom 15. bis zum 18. Jahrhundert dazu beigetragen habe, rassistische Vorstellungen von Überlegenheit hervorzurufen. Entdecker und Denker hätten die europäische Identität als „zivilisierte“ Kultur im Gegensatz zu den angeblich rückständigen und barbarischen Lebensstilen der Einheimischen in Nord- und Südamerika und Afrika definiert. Die koloniale Vergangenheit Europas sei noch nicht endgültig vorbei. Sie sei nach wie vor Teil der europäischen Erfahrung.

Professor Kerry Brown vom King’s College London hielt am 19. Oktober den dritten Vortrag der Reihe „Envisioning Europe“. Er untersuchte, wie sich die unterschiedlichen westlichen Wahrnehmungen Chinas über einen Zeitraum von 800 Jahren entwickelt haben, und erläuterte, dass die Beziehungen auf einer langen und komplexen Geschichte aufbauen, die nie richtig geschrieben worden sei. Er habe es sich zur Aufgabe gemacht, diese Beziehungen zu beleuchten. Professor Brown wies zudem darauf hin, dass die Erfahrungen mit China in West- und in Osteuropa aufgrund des Vermächtnisses des Kommunismus sehr unterschiedlich seien.

Auf die Frage eines Teilnehmers, wie Europa eine fruchtbare Beziehung zu China aufbauen könne, antwortete er, dass gleichzeitig zwei gegensätzliche Debatten geführt würden: einerseits über den Handel mit der Weltmacht und die Zusammenarbeit in Bezug auf den Klimawandel, andererseits aber auch über die Verurteilung der Menschenrechtsverletzungen und der jüngsten Entwicklungen in Hongkong und Xinjiang. Dieses Zusammenspiel einer positiven und einer negativen Wahrnehmung Chinas ziehe sich durch den 800-jährigen Zeitraum der Beziehungen Europas zu China und sei durch diese Geschichte entstanden.

Bei dem vierten Vortrag am 23. November beleuchtete Professor Philipp Ther von der Universität Wien die Geschichte der Flüchtlinge im modernen Europa. Er schilderte, wie Opfer politischer und religiöser Verfolgung – von den Revolutionen im 19. Jahrhundert bis zum Konflikt in Jugoslawien – in verschiedene Teile Europas und Nordamerikas geflohen seien, und nutzte mehrere biografische Fallstudien, um diese Geschichten zu veranschaulichen. So musste der polnisch-österreichisch-französische Autor und „ewige Flüchtling“ Manès Sperber beispielsweise aufgrund der Weltkriege mehrmals aus verschiedenen Ländern fliehen und wurde zweimal inhaftiert. Für einen Großteil seines Lebens lebte er in Armut und Isolation. Er schrieb in seiner Autobiografie: „Ich [sollte] es [...] im Absinken von Stufe zu Stufe erleben, daß jeder Fall einen anderen, tieferen auslösen kann, daß der Abgrund keinen Grund hat.“

Auf die Frage, was politische Entscheidungsträger aus unterschiedlichen historischen Integrationskonzepten lernen könnten, antwortete Professor Ther, dass es sich lohne, in Sprachkurse und Berufsausbildung zu investieren, um Flüchtlingen bei der Arbeitssuche zu helfen. Die Politik der Regierungen müsse jedoch durch pragmatische Maßnahmen auf gesellschaftlicher Ebene unterstützt werden.

Der fünfte Vortrag von Professor Mary Kaldor am 21. Dezember wird sich mit Frage befassen, wie die Geschichte der sozialen Bewegungen die Rolle der EU in der Welt geprägt hat. Wir laden Sie ein, uns auf diesem Weg in die Zukunft Europas durch einen Rückblick in die Vergangenheit zu begleiten. Wie reagieren Sie, wenn Ihre Meinungen und Annahmen durch historische Belege in Frage gestellt werden?

Anstehende Vorträge

15. Februar 2022

Milena Dragićević Šešić

Die Stimme aus der Semiperipherie: Eine künftige (gerechte) europäische Erinnerungskultur schaffen. Die Rolle der zeitgenössischen Kunst

22. März 2022

Heike Wieters

Die vielen Facetten der Vergangenheit und der Zukunft Europas

19. April 2022

Gurminder K. Bhambra

Ein dekoloniales Projekt für Europa

17. Mai 2022

Jan Zielonka

Die EU und die Demokratie – Experimente

21. Juni 2022

Toni Haastrup

Ist eine feministische Außenpolitik denkbar für die Europäische Union?

19. Juli 2022

Kalypso Nicolaïdis

Das Thema wird am 7. Januar bestätigt.