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Medizinisches Personal: die neuen Helden

Seit Beginn der COVID-19-Pandemie stehen die Angehörigen der Gesundheitsberufe an vorderster Front. In Krankenhäusern sowie im Allgemeinen im Pflegesektor mussten viele von ihnen die Ausübung ihres Berufs mit dem Leben bezahlen, häufig aufgrund unzureichender Schutzausrüstung.

Die Helden feiern

Krankenpflegepersonal, Ärzte und Ärztinnen und sonstige Angehörige der Gesundheitsberufe werden deshalb von den Medien, Behörden und Bürgern als „wahre Helden“ gefeiert. Videos vom abendlichen Applaus der Menschen um 20.00 Uhr an den Fenstern oder auf den Balkonen wurden in einigen Teilen Europas zu einem viralen Trend und werden sicherlich eine der eindrücklichsten Erinnerungen an die Reaktion der Öffentlichkeit auf das Coronavirus bleiben.

Doch diese Bekundungen von Dankbarkeit sind nicht nur banale Gesten. Sie waren Teil einer Reihe konkreter Maßnahmen, die von der Versorgung mit Mahlzeiten für Krankenhausmitarbeiter durch Michelin-Sternerestaurants und normale Menschen bis zur spontanen Bereitstellung großer Mengen an medizinischer Schutzkleidung durch Privatpersonen und Unternehmen reichten. Auch die symbolische Unterstützung war sichtbar. In Städten und Gemeinden in ganz Europa fanden sich hierfür plakative Belege mit dankbaren Worten für das medizinische Personal, die in Form von Transparenten an Balkonen oder als Kinderzeichnungen an den Fenstern angebracht wurden.

Krankenpflegepersonal sowie Ärzte und Ärztinnen werden buchstäblich als die neuen Superhelden dieser schwierigen Zeiten dargestellt, wie etwa auf Wandmalereien, die beispielsweise in Polen und Italien im öffentlichen Raum entstanden, und die anschließend von den Medien gefilmt oder fotografiert wurden. In Rumänien hatte eine Kommunikationsagentur sogar die Idee, sie – inspiriert von religiöser Ikonografie (und unter Erregung des Zorns einiger Kirchenvertreter) als Heilige und Götter darzustellen.

Ängste

Ob Helden oder Heilige, so sind Angehörige der Gesundheitsberufe doch auch Ängsten und Misstrauen ausgesetzt. In mehreren europäischen Ländern berichteten die Medien von Diskriminierung und sogar Ablehnung, die medizinischem Personal von Nachbarn entgegengebracht wurde, die eine Ansteckung fürchteten. Glücklicherweise bildeten neue Unterstützungs- und Solidaritätsbekundungen hierzu häufig ein Gegengewicht.

Protest

Auch wenn sie größtenteils den Menschen, die sie über verschiedene Aktionen unterstützen, ihren Dank aussprechen, haben Angehörige der Gesundheitsberufe auf dem ganzen Kontinent massiv gegen fehlenden Schutz protestiert, durch den sie extrem ansteckungsgefährdet waren. Inspiriert von einem französischen Arzt, der eine ähnliche Aktion durchgeführt hatte, ließen sich in Deutschland Ärzte nackt fotografieren und filmen und wollten diese Nacktheit als Symbol für mangelnden Schutz gegen das Coronavirus verstanden wissen.

Beide Proteste unterstrichen die Forderung nach mehr langfristigen Investitionen in den öffentlichen Sektor, zu dem auch das Gesundheitswesen zählt. Ein starker Rahmen der sozialen Sicherheit und ein solides Gesundheitsversorgungssystem zählen zu den grundlegenden Ideen des Europas der Nachkriegszeit, auch wenn die Umsetzung in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich erfolgte. Manche sind der Meinung, Applaudieren um acht Uhr abends sei zwar gut, doch sollten wir nicht vergessen, dass in den vergangenen Jahrzehnten drastische Kürzungen in den Gesundheitssystemen vorgenommen wurden. Wer wird das medizinische Personal noch unterstützen, wenn die Pandemie vorbei ist?

 

Image credit: “Reconocimiento” (recognition), drawing from the sketchbook “Brief graphic recovery of terms of frequent use during the Sars-Cov-2 epidemic” by Carmela del Casar Ximénez, Spain.

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