Back to top

„Fake News? Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu…“

Veranstaltungsart: 
Konferenzen
Event Category: 
Our Events
Zielgruppe: 
Erwachsene , Junge Besucher
Sprache der Veranstaltung: 
Englisch

Alle reden von Fake News. Die Gefahr ist, dass man sie einfach hinnimmt. In meinem Beitrag unternehme ich den Versuch, Fake News mit dem gebotenen – zeitlichen und begrifflichen – Abstand zu betrachten. Dabei werde ich mit einem Essay beginnen, in dem Robert Merton – einer der größten Soziologen des 20. Jahrhundert – den Begriff der selbsterfüllenden Prophezeiung einführt, der sich rasch verbreiten sollte. Meines Wissens ist dieser Essay (der 1948 veröffentlicht wurde, als das Internet noch nicht existierte) in den Debatten zum Thema Fake News noch nie erwähnt worden. Dieser Essay ermöglicht es uns, uns dem Thema Fake News aus einem aufschlussreichen und unerwarteten Blickwinkel zu nähern.

Mit seinem Ansatz formte Merton, der einer Familie jüdischer Auswanderer aus Osteuropa entstammte, mit einer gänzlich anderen Perspektive die Gedanken um, die Gustave Le Bon, ein reaktionärer und antisemitischer Universalgelehrter, in seinem berühmten 1895 veröffentlichten Buch „Psychologie des foules“ („Psychologie der Massen“) darlegte. Dieses Werk, das sich noch heute großer Beliebtheit erfreut, hatte tiefgreifenden Einfluss auf ein breites Spektrum von Lesern, darunter Wladimir Iljitsch Lenin, Benito Mussolini, Kemal Atatürk, Theodore Roosevelt, Sigmund Freud und möglicherweise Adolf Hitler. Ich rege an, Le Bons Buch gleichsam gegen den Strich zu lesen, um Online-Massen zu analysieren – die Zielgruppe von Fake News.

Aber ist es überhaupt möglich, Fake News zu bekämpfen? Meiner Meinung nach ist das möglich, indem man sich auf eine altehrwürdige Tradition stützt, die in der akademischen Welt leider mehr und mehr an den Rand gedrängt wird, nämlich auf die Philologie. Um die politischen Auswirkungen von Fake News aufzuzeigen, werde ich mich mit einem außergewöhnlichen Text befassen – und zwar mit dem Text, mit dem der Humanist Lorenzo Valla im 15. Jahrhundert den Nachweise führte, dass es sich bei der sogenannten Konstantinischen Schenkung um eine Fälschung handelt.

Carlo Ginzburg (*1939) hat an der Universität Bologna, der UCLA (University of California, Los Angeles) und der Scuola Normale Superiore in Pisa unterrichtet. Seine Werke wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Hier eine Auswahl: „I Benandanti. Stregoneria e culti agrari tra Cinquecento e Seicento“ („Die Benandanti. Feldkulte und Hexenwesen im 16. und 17. Jahrhundert“), „Il formaggio e i vermi“ („Der Käse und die Würmer: Die Welt eines Müllers um 1600“), „Clues, Myths, and the Historical Method“ (Anhaltspunkte, Mythen und die historisch-kritische Methode), „Indagini su Piero. Il Battesimo, il ciclo di Arezzo, La Flagellazione di Urbino“ („Erkundungen über Piero: Piero della Francesca, ein Maler der frühen Renaissance“), „Rapporti di forza. Storia, retorica, prova“ („Die Wahrheit der Geschichte: Rhetorik und Beweis“), „Il giudice e lo storico. Considerazioni in margine al processo“ („Der Richter und der Historiker: Überlegungen zum Fall Sofri“), „Occhiacci di legno. Nove riflessioni sulla distanza“ („Holzaugen: über Nähe und Distanz“), „Nessuna isola è un'isola. Quattro sguardi sulla letteratura inglese“ („No Island is an Island: Four Glances at English Literature in a World Perspective“ (Keine Insel ist eine Insel: Vier Kurzbetrachtungen zur englischen Literatur aus einem globalen Blickwinkel)), „Il filo e le tracce. Vero falso finto“ („Faden und Fährten: wahr, falsch, fiktiv“), „Paura, reverenza, terrore. Rileggere Hobbes oggi“ (Furcht, Ehrfurcht, Schrecken. Eine heutige Relektüre von Hobbes) („Fear Reverence Terror: Five Essays in Political Iconography“); „Nondimanco. Machiavelli, Pascal“ (Nichtsdestoweniger. Machiavelli, Pascal) („Nevertheless. Machiavelli, Pascal“). Er wurde u. a. mit dem Aby-Warburg-Preis (im Jahr 1992), dem Humboldt-Forschungspreis (im Jahr 2007) und dem Balzan-Preis für Arbeiten zur Geschichte Europas 1400–1700 (im Jahr 2010) geehrt.

Einführung von Dr. Constanze Itzel, Museumsdirektorin, Haus der europäischen Geschichte.

Melden Sie sich für diese Online-Veranstaltung an

Bild mit freundlicher Genehmigung von WeAreCEU